You are seeing archived content. We are in the process of creating something new. Visit our new website!

Give me something to believe in

Das organisierte Imageproblem, Nachtrag

Author: Johannes Schardt
Date: 15. August 2008

Bewusst sind wir in unserem Fontblog-Artikel nicht detailliert auf das “Image- und Kommunikationsproblem” eingegangen, das wir bei den Deutschen Verbänden sehen, weil es den Rahmen gesprengt und sich die Diskussion in Einzelheiten verloren hätte. Hier nun aber ein paar ausführlichere Gedanken, warum wir uns nicht angesprochen und repräsentiert fühlen.

Wir kennen uns ehrlich gesagt überhaupt nicht in den Verbandsstrukturen aus. Wir können und wollen daher auch die Arbeit, die die Verbände machen nicht beurteilen. Wir haben deswegen bewusst nur vom “Image” gesprochen: wie wirken Verbände auf potentielle Neumitglieder wie uns.

Wie im Fontblog Artikel erwähnt, würden wir uns bei der amerikanischen AIGA wesentlich besser aufgehoben fühlen, als bei z.B. dem BDG oder der ADG. Den Vergleich mit dem US Pendant zu ziehen, sieht Henning vom BDG als nicht angebracht, weil es sich um eine größere und finanzstärkere Organisation handelt.

Sicherlich kann man mit vielen Mitgliedern und einem vollen Konto mehr für seine Außenwirkung tun, aber es gibt viele Punkte, in denen sich die deutschen Verbände gegenüber der AIGA unterscheiden, die rein gar nichts mit Finanzkraft zu tun haben. Sehen wir uns mal nur einen davon an:

Um einen Text zu schreiben, braucht man weder ein dickes Portemonnaie, noch viele Mitglieder. Schaut man sich aber die Infotexte von AIGA, BDG und AGD an, so wird recht schnell deutlich, was wir damit meinen, uns nicht angesprochen zu fühlen.

AIGA’s mission is to advance designing as a professional craft, strategic tool and vital cultural force.
AIGA, the professional association for design, is the place design professionals turn to first to exchange ideas and information, participate in critical analysis and research and advance education and ethical practice.

aiga.org

Der BDG ist der erste deutsche Berufsverband im Bereich Grafik-Design. Er wurde 1919 als “Bund der Deutschen Gebrauchsgraphiker” gegründet. Seit 1968 führt er den Namen “Bund Deutscher Grafik-Designer”.

Der BDG vertritt die Interessen aller Kommunikationsdesigner in den unterschiedlichen Formen der Berufsausübung. Das wesentliche Auswahlkriterium für die Mitgliedschaft ist die berufliche Qualifikation. Zweck des Verbandes ist die Wahrung und Förderung der berufsfachlichen, berufswirtschaftlichen und berufsständischen Belange seiner Mitglieder.

Ordentliches Mitglied kann jeder qualifizierte Gestalter auf dem Gebiet des Kommunikationsdesign werden. Studentisches Mitglied kann jeder werden, der an einem staatlichen oder privaten Ausbildungsinstitut eingeschrieben ist und einen berufsqualifizierenden Abschluss auf dem Gebiet Kommunikationsdesign anstrebt.

bdg-designer.de

Was der Automobilclub für den Kraftfahrer ist die Allianz deutscher Designer für den Kreativen: Man kommt ohne den KFZ-Schutzbrief aus, aber mit ist das Leben – gerade in schwierigeren Zeiten – einfacher.

Die AGD ist der Berufsverband selbstständiger Designerinnen und Designer. Die Allianz bietet ihren Mitgliedern die Vorteile eines Unternehmerverbandes im Bereich Design mit der Absicherung eines Tarifverbandes. Sie setzt sich für die berufswirtschaftlichen Belange der selbstständigen Designerinnen und Designer ein. Die AGD ist offen für Designer aller Fachbereiche. Sie ist mit circa 3000 Mitgliedern mit Abstand der größte Designerverband in Deutschland und einer der größten in Europa. Die AGD berät ihre Mitglieder bei allen Fragen zum Berufsalltag, bei Rechts- und Steuerangelegenheiten.

agd.de

Die AIGA schafft es mit nur zwei Sätzen die Themen anzusprechen, die uns wichtig sind. Beim BDG hingegen gibt es einen staubtrocken formulierten Text, der nach Amtsdeutsch klingt und mir inhaltlich überhaupt nichts gibt. Was interessiert mich, wann der Verband gegründet wurde, wann er sich umbenannt hat und was die genauen Aufnahmebedingungen sind? Ich will wissen, ob dieser Verband aus Mitgliedern besteht, die ähnliche Interessen haben wie ich. Ich will das Gefühl haben, dort Unterstützung für meine Idee zu finden und gemeinsam mit den Verbündeten etwas erreichen kann. Die AGD hingegen versucht es mit einem bemüht lockerem Introsatz, fällt dann aber auch in eine Sprache, die mir sofort die Lust nimmt weiterzulesen. Toll, ihr seid einer der größten in Europa. Ich will aber nicht den größten, sondern einen bei dem ich ein gutes Gefühl habe, wenn ich 240 Euro im Jahr überweise.

Die AIGA weckt mit ihrem Auftritt Neugier und Interesse. Sie verkauft ihre Idee gut. Bei BDG und AGD erkenne ich diese Idee nicht mal auf anhieb, ich komme mir eher vor wie auf einer Pflichtveranstaltung.

Ich will den deutschen Verbandsspitzen nicht vorwerfen, sie hätten keine Leidenschaft für das was sie tun – aber ich sehe die Leidenschaft nirgendwo in ihrer öffentlichen Kommunikation (das engagierte Kommentieren von Henning ausgenommen). Die AIGA spricht im Infotext von einer “Mission” und in diesem Artikel vom ehrgeizigem Ziel, die Zahl der Mitglieder in drei Jahren zu verdoppeln. Dinge wie diese zeigen mir, dass es dort um eine große Idee geht, vielleicht sogar Visionen.

Nun mag es sein, dass die Ausrichtungen von AIGA, BDG und AGD unterschiedlich sind. Vielleicht geht es den beiden genannten deutschen Verbänden wirklich nur um wirtschaftliche, rechtliche und politische Themen. Vielleicht werden die Themen, die uns viel mehr interessieren – Forschung, Lehre, die kulturelle Komponente der Gestaltung – bewusst ausgeklammert. Dann sind diese Verbände vielleicht einfach wirklich nichts für uns.

Ich lese den Satz jetzt schon in den Kommentaren, deswegen schreibe ich ihn selbst: “Jeder Verband definiert sich durch die Mitglieder und das was sie machen/wollen”. Das stimmt natürlich. Wenn der Verband aber wachsen will, muss er sich auch Gedanken machen, wie er neue Mitglieder gewinnt. Und dafür muss er mir zumindest das Gefühl vermitteln, dass es gewollt wird, Themen dort einzubringen, die mich interessieren.

Peter Marquardt greift in seinem Kommentar einen Gedanken auf, den wir auch hatten: Kann es nicht sein, dass es schwieriger ist “Kreative” zu organisieren, weil sie individualistischer geprägt sind? Leider fehlen uns Zahlen über Organisationen aus anderen kreativen Berufen, Filmemacher oder Musiker beispielsweise.

Mag es auch schwieriger sein, einen Haufen Designer zu organisieren, so kann man diese Sorte Mensch doch einfach ködern. Über das Image.

Viele Aufgaben in einem solchen Verband mögen langweilig sein, aber muss es deswegen so aussehen? Wir selbst betreiben seit knapp 8 Jahren ein Plattenlabel (übrigens auch quasi-ehrenamtlich) und die meiste Arbeit, die es dafür zu erledigen gibt ist unspannend und unterscheidet sich oft kaum von einem x-beliebigen Bürojob. Und dennoch wird es von den meisten Außenstehenden als unheimlich cool und aufregend angesehen ein Label zu betreiben. Nun kann man das eine nicht 1:1 mit dem anderen vergleichen, dennoch: warum sollte es nicht “cool” sein, einer Design-Organisation anzugehören? Warum muss es nach mühevollem Ehrenamt aussehen?

What kind of designer are you?

Find your perfect #designposition!
→ Try it out

Oh, there are 3 comments so far

  1. Hmm, ich gebe Euch recht, die Texte sind trocken. Das geht mir auch schon lang auf den Kranz. Es muss sie “nur” jemand neu schreiben. Also entweder jemand, der das kostenlos macht (dazu ist meist keiner bereit), oder jemand muss dafür bezahlt werden (dafür ist unser Budget zu dünn). Also schleppt man der ollen Text weiter mit sich herum.

    Ich glaube ebenfalls, dass unsere Aussendarstellung “funkier” sein müsste. Da jedoch die Kraft der Aktiven schon mit der Tagesarbeit gebunden ist, brauchen wir hierfür Unterstützung von Aussen. Ein Teufelskreis. Unsere Broschüre macht derzeit Fünfwerken neu. Ohne solche Sponsoren wären wir völlig aufgeschmissen.

    Den Unterschied zwischen den Branchen sehe ich darin, wie viel “Übung” ein Beruf mit seiner Berufsvertretung hat. Musiker sind schon lange organisiert. Es gibt fast hundert Verbände in diesem Bereich, die sich über den Spitzenverband “Deutscher Musikrat” bündeln. Die klassischen kreativen Berufe (z.B. Architekten, Bühnenberufe) haben nicht das Problem, das wir im Design gegenwärtigen. Da kommt keiner auf die Frage “Was bringt mir das”. Ohnehin ist der Nutzen für einen Einzelnen eher schwer messbar.

    Interessant sind übrigens die Kommentare auf der AIGA-Seite … einen sehr schönen finde ich bei Sam Shelton : “I see this as an investment in our profession.” So sehe ich das auch.

    Und mit Schrecken sehe ich: “I am a veteran designer who’s been in the industry for over 20 years”. Hell, das trifft ja auch auf mich zu … veteran designer … Jesus! In den frühen Vierzigern!

    So oder so: Es liest sich auf Englisch vielleicht charmanter, doch scheinen mir die Vorbehalte, die der AIGA entgegengebracht werden, praktisch deckungsgleich zu den Vorbehalten zu sein, die wir hier in Deutschland bemerken. Und wer rechnen kann, der stellt fest: 10.000 von 180.000 Designern sind rund 5,5 %. So wahnsinnig viel mehr Mitglieder scheinen die so beneidenswert unbürokratischen Texte nicht zu bringen.

    Was nicht heisst, dass wir uns nicht verbessern wollen.

    Henning Krause on 15. August 2008
  2. Was wir beim BDG vermissen, sind die “kreativeren” und kulturelleren Themen. Der erste Navigationspunkt auf der AIGA Seite heißt “Inspiration”, es folgt noch “Society & Environment” und “Writing”. Auf der Seite gibt es viele interessante Artikel rund um das Thema Design. Warum gibt’s das auf der BDG Seite nicht? Wenn es einen Freitagsdiskurs auf Fontblog gibt, warum dann nicht auch auf bdg-design.de? Ich sehe nicht so wirklich, wie man sich als BDG Mitglied untereinander austauschen kann. Ich will nicht unbedingt ein “Gemeinschaftsgefühl”, aber wenn ich einer Gruppe beitrete, dann will ich mich doch auch irgendwie als Teil fühlen. Das alles kommt nicht so wirklich rüber, wenn ich mir die BDG seite anschaue.

    Ich weiß, dass das alles jemand machen muss und am Ende des Tages oft einfach daran hängt, dass sich keiner dafür verantwortlich fühlt oder keiner die Zeit dafür aufbringen will oder kann.

    Deswegen ist das jetzt auch nicht als Vorwurf zu verstehen. Ich will Dir, Henning, nicht unterstellen, dass Du und Deine Kollegen Ihren Job schlecht machen. Wie schon erwähnt, wir interessieren uns ja für solche Verbände, wir wünschen uns sogar einen Verband, in dem wir aktiv sein können. Aber wir müssen das Gefühl haben, dass wir dort auch was bewirken können. Deswegen haben wir auch die Gelegenheit genutzt, dass Thema auf den Tisch zu bringen.

    Johannes Schardt on 15. August 2008
  3. … und darüber freue ich mich auch. Tatsächlich freuen wir uns über jeden, der etwas bewegen will. Ich glaube, wir liegen da durchaus auf einer Linie. Die Überarbeitung unserer Webseite steht relativ weit oben auf dem Zettel – es muss hat nur jemand machen. Ich könnte das fachlich durchaus, nur leider nicht zeitlich, denn ich habe neben meinem Erwerbsleben mit der “Geschäftsführung” des BDG schon genug zu tun. Ich würde auch durchaus gern mehr Feuilleton machen – doch all das muss von Spendern kommen, die die Idee eines Berufsverbandes mittragen. Liebe schweigende Mitleser, der hier geht direkt an euch: Fragt nicht was ein Designverband für euch tun kann, fragt euch, was ihr für einen Designverband tun könnt!

    Henning Krause on 15. August 2008

Write a comment