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“Die Violine würde heute keine User-Tests bestehen”

Ein Interview mit Prof. Boris Müller von der FH Potsdam zum Thema “Musical Interfaces”.

Author: Christophe Stoll
Date: 9. July 2008

An der Fachhochschule Potsdam fand vor wenigen Monaten im Rahmen des Interfacedesign-Studiengangs ein Workshop mit dem Titel “Musical Interfaces” statt. Studenten verschiedener Semester wurden dazu aufgerufen, eigene Konzepte für musikalische Interaktionen zu entwickeln und als Prototypen umzusetzen. Dabei entstand eine Reihe spannender Projekte – wie etwa “MouthPieces”, eine Installation mehrerer unterschiedlicher Sensoren, die man mit dem Mund bedient. Ferner “Articulated Paint”, bei dem die Rolle des Körpers beim Musikmachen durch das Malen mit einem Pinsel aufgezeigt werden soll oder “MC Hammer”, von einem Software-Sequencer gesteuerte Motoren, die Rhythmen auf beliebigen Oberflächen klopfen.

Dieses Interview enstand im Rahmen eines Artikels mit dem Titel 10 Jahre Lötkolben: DIY 2007 für Ausgabe 115 zum 10-jährigen Jubiläum der DE:BUG. Weitere Informationen zum “Musical Interfaces”-Kurs findet man hier. Alle Bilder dieses Artikels © Fachhochschule Potsdam/StudentInnen der FH

Ihr habt neulich einen Kurs mit dem Titel “Musical Interfaces” erfolgreich abgeschlossen und präsentiert. Wie seid ihr eigentlich auf die Idee zu diesem Thema gekommen?

Das Thema “Musical Interfaces” war mitte der Neunziger ziemlich angesagt. Ich habe damals am Royal College of Art studiert, meine Tutoren haben an Instrumenten für Laurie Anderson gearbeitet und auch unter den Studenten gab es eine Reihe von Experimenten. Ich habe damals mit zwei Kollegen das Soundprojekt Revamp gemacht, das ich hin und wieder auch zeige. Alt, aber vielleicht auch interessant in diesem Zusammenhang.

Das Thema war dann anfang des Jahrhunderts ziemlich durch und keiner hat mehr was in die Richtung gemacht. Wir dachten uns also, daß man es “wiederbeleben” könnte.

Das Thema “Interakion mit Musikinstrumenten” ist ein breites Feld mit einer recht langen und vielseitigen Geschichte. Was war bei euch der Fokus, bzw. wie seid ihr bei euer konkreten Aufgabenstellung vorgegangen? Was waren die Vorgaben oder eine Art “Leitlinie” in der Orchestrierung der verschiedenen Ansätze und Teilnehmer?

Es ist heutzutage sehr viel einfacher, Prototypen zu realisieren, die schon fast an das fertige Produkt rankommen.

Wir hatten zwei Leitideen: eine technische und eine konzeptionelle. Zur technischen: ganz banal – in den lezten 10 Jahren ist ja doch einiges passiert. Es ist heutzutage sehr viel einfacher, Prototypen zu realisieren, die schon fast an das fertige Produkt rankommen. Man kann also anhand von Entwürfen Interaktionen direkt ausprobieren. Der Prozeß war viel explorativer – was funktioniert, was nicht – was klingt gut, was nicht.

Zur konzeptionellen Leitlinie: es ging uns immer im Körperlichkeit. Musik ist im Erzeugen und im Erleben ein genuin körperlicher Vorgang. Daß man bei der Erzeugung von digitaler Musik auf eine Computermaus angewiesen sein soll stellt also eine enorme Reduktion dar. Der Körper sollte also beim musizieren im Vordergrund stehen und es sollten Möglichkeiten entwickelt werden, die Ausdrucksformen des Körpers zu Musik zu übersetzen. Und gut klingen sollte es auch. :)

Anderes Beispiel: die Violine würde heute keine User-Tests bestehen. Zu schwer zu erlernen, eingeschränkter Funktionsumfang, klingt erst komisch. Aber: was für ein Potential für Virtuosentum! Heute ist es genau umgekehrt. Alles ist einfach zu erlernen, hat viele Funktionen und klingt sofort toll. Aber Virtuosen wird man nicht finden.

Das Beispiel mit der Violine ist sehr gut. Aber müsste man nicht eher sagen “Virtuosen wird man wenige finden”? Vielleicht ist in vielen Fällen durch sehr einfach zu erreichende Erfolgserlebnisse wenig Ansporn da, Virtuosität zu erlangen. Aber heutige Produkte können ja durchaus auch zur Umdeutung oder Zweckentfremdung verleiten. Ich bilde mir ein, schon ein paar Virtuosen an elektronischen Musikinstrumenten erlebt zu haben …

Prof. Boris Müller
Prof. Boris Müller

Ja – Virtuosität ist natürlich nicht unmöglich. Aber der Trend geht in eine andere Richtung. Übrigens gilt das für die ganze Interface-Design-Branche. Manchmal denke ich, daß der Anspruch, daß alles intuitiv und ohne Lernkurve bedienbar sein muß, grundsätzlich falsch ist. Aber das sprengt ein wenig den Rahmen…

Aber kurz gesagt: Du hast recht – “wenige” trifft es besser. “Keine” ist aber polemischer. :)

Einige der Projekte haben Möglichkeiten zur Kollaboration anskizziert, was im Kontext neuer, netzwerkfähiger Übertragungsprotokolle wie OSC sehr zeitgemäß ist. War das gesteuerte Intention oder hat sich einfach so ergeben?

Das Kollaborative war durchaus gewollt. Musizieren war immer etwas, das man in Gruppen getan hat. Von Barockensemble, Symphonieorchester bis hin zur Jazz- und Popband. Ich denke daß gerade hier in Zukunft sehr spannende Entwicklungen im Markt zu erwarten sind.

Aber ob Orchester oder Popband, es gibt meistens die Aufteilung in “Künstler” und “Rezipient”. Habt ihr auch über neue Potenziale und Formen der “Gruppierung” nachgedacht?

Ja, das sind aber auch grundsätzlich keine neuen Ideen (Cage etc). Ich persönlich finde die “Ensemble-Idee” reizvoller als das Publikum einzubinden.

Mir ist bewusst, dass es bei eurem Kurs nicht um die Entwicklung marktreifer Produkte, sondern um einen offenen und experimentellen Umgang mit der Thematik ging. Dennoch: wie nah oder fern der kommerziellen Realität schätzt ihr die Ergebnisse oder einige der Ergebnisse ein?

Ganz unterschiedlich. Kein Projekt ist “marktreif”, ich glaube aber, daß wir eine Reihe von Trends aufgezeigt und entwickelt haben.

… und weiterentwickeln werden? Wird es anknüpfende oder zumindest thematisch ähnliche Kurse geben?

In Potsdam haben wir einen Thesis-Orintierten Master. Man kann also über drei Semester ein Thema selbstbestimmt vertiefen. In diesem Rahmen wird es bestimmt noch weitere Vertiefungen geben.

Articulated Paint
Articulated Paint

Was mich an den Ergebnissen am stärksten faszinierte war das Level der Ausarbeitung der Prototypen: die Studenten, die man von außen betrachtet eher einem Gestaltungskontext zuordnen würde, scheinen sich mit Platinen, Lötkolben, Sensoren und der Programmierung von Schaltungen und Schnittstellen angefreundet zu haben. Wie muß man sich diese Heranführung vorstellen?

Ich weiß – das überrascht. Aber eigentlich ist es ganz in der Traditionslinie der Kunst- und Designausbildung. Für jeden kreativ Arbeitenden gilt, daß man sich mit dem Material auskennen muß, mit dem man arbeitet. Ein Bildhauer muß sich mit Marmor, Bronze und Ton auskennen, ein Typograf mit Drucktechniken – und wir eben mit Programmiersprachen und Elektronischen Schaltungen. Unser Ansatz ist aber durchweg pragmatisch. Uns interessiert nicht das Ohmsche Gesetz sondern wie man Dinge baut, mit denen Menschen interagieren können. Ziel ist es, Interaktionen erfahrbar zu machen.

Gab es bereits Affinitäten und Vorkenntnisse oder standen ausschließlich im Rahmen des Kurses erlernte Fertigkeiten und Wissen in Kombination mit z.B. verfügbarer Onlinedokumentation zur Verfügung?

Verkabelte Platine

Ja, die meisten Studenten hatten schon die Grundlagenkurse für Programmierung und für “Physical Computing” besucht. Wir haben außerdem mit unserer Kommunikationsplattform Incom eine sehr gute Wissensressource.

Seit relativ kurzer Zeit erscheinen Leuchtturm-artig einige spannende neue Interface-Ansätze jenseits von Klaviatur und Fader auf dem Musikmarkt (z.B. Tenori-On, monome, Korg KP3, Lemur). Nichtsdestotrotz bewegen sich die wirklich spannenden Projekte oft eher auf dem Gebiet der experimentellen Kunst. So wurde das Tenori-On vor ca. zwei Jahren eher als eine Art Recherche-Projekt des japanischen Medienkünstlers Toshio Iwai bekannt, bevor es dann einige Zeit später auf der “SoundsExp07″-Messe in England als ein mögliches kommerzielles Produkt von Yamaha angekündigt wurde. Was denkt ihr: kann man das als Durchbruch bezeichnen und wir werden diese Art von Transfer in naher Zukunft öfter erleben? War die Zeit oder der Markt in jüngster Vergangenheit einfach noch nicht reif für innovative Interfaces?

Gute Frage! Ich könnte jetzt ganz platt sagen: der Markt reguliert sich selbst. Und wenn es auf dem Markt nicht funktioniert, dann war es wohl keine gute Idee.

Das ist aber natürlich nicht die ganze Wahrheit. Ich denke daß die Produkte oft noch zu teuer sind, schlechte Interfaces haben und ihre Zielgruppe nicht finden. Gerade letzteres halte ich für einen wichtigen Punkt! Was wäre wenn man mit dem iPod nicht nur Musik hören sondern auch welche machen könnte? Wie werden die Pop-Bands der Zukunft aussehen? Wie wird man zusammen Musik machen? Und wer macht Musik?

Ich würde sagen, daß die Zeit noch nicht reif ist – sowas kann aber erfahrungsgemäß sehr schnell gehen! Musik als User-Generated Content vielleicht?

Ich bin im Moment etwas überrumpelt von der Dynamik, die diesem Thema plötzlich innewohnt. Sehr viele Nutzer scheinen sich nach neuartigen Produkten zu sehnen. Man findet im Netz immer mehr “DIY-Musikinterfaces” – ganz nach dem reißerisch formulierten Motto “wenn ihr uns die Produkte nicht gebt, bauen wir sie uns eben selber!”. Wie bewertet ihr das Potential des “Selbermachens” z.B. auf Basis ausführlich dokumentierter und zum Teil sehr kostengünstiger offener Plattformen in diesem Zusammenhang?

Wenn es so einfach wie Lego wird, sich seine Instrumente zusammenzustöpseln, dann wird dies die Musikszene verändern.

Sehr, sehr hoch! Wenn es so einfach wie Lego wird, sich seine Instrumente zusammenzustöpseln, dann wird dies die Musikszene verändern. Insbesondere Live-Auftritte schreien ja förmlich nach mehr Performance. Es stellt sich nur die Frage: bietet man speziefische oder unspeziefische Interface-Bausteine an? Spezifische sind an eine bestimmte Klangvorstellung gekoppelt (z.B. Vibrato), unspezifische ermöglichen einem bestimmte Gesten durchzuführen und die Gesten einer Klangveränderung zuzuordnen.

Es gibt aber nicht nur die Open-Source-Umgebungen, die zu DIY beflügeln. So ist zur Zeit eine Art Hype rund um die Zweckentfremdung der Nintendo Wii Remote zur Musiksteuerung zu beobachten. Längst ist ein von einem Nutzer programmierter Treiber zum Runterladen verfügbar, der den Touchscreen der Nintendo DS per WLAN zum MIDI-Controller werden lässt. Wie schätzt ihr die Möglichkeiten einerseits von Touchscreen-Technlologien, andererseits von körperbetonter Bewegungs-Sensorik à la Wii für Musikinstrumente ein?

Mir fehlt oft die Verbindung zu einer bestimmten Klangvorstellung. Wir sollten nicht vergessen: ein guter Pianist vergisst das Klavier! Dieser Punkt ist auch mein Hauptkritikpunkt an der ganzen Szene (und auch an enigen Studentenarbeiten). Oft geht es nur darum, technische Konzepte zu realisieren, das Klangerlebnis ist sekundär. Mich faszinieren in diesem Zusammenhang Komponisten wie Karlheinz Stockhausen, die immer eine musikalische Idee hatten und die Technik nur genutzt haben, um diese musikalische Idee zu verwirklichen. Diesen Prozess würde ich gern weiterverfolgen. Dazu braucht man aber nicht nur Interface-Designer sondern eben richtig gute Musiker.

Also “richtig gute Musiker”, die nebenbei auch Interface-Designer sind, oder als “Testpersonen” oder Ressource? Man könnte hier auch von “Kenntnis des Materials, mit dem man arbeitet” sprechen …

Im User-Centred-Design-Process: eindeutig “Testpersonen”. Man muß als Designer immer davon ausgehen, daß Experten mehr über das zu gestaltende Objekt wissen als man selbst. Diese Experten können aber meistens nicht entwerfen. Daher muß man in einen interativen Designprozeß einsteigen: Entwurf – Korrektur / Diskussion – neuer Entwurf – neue Korrektur… etc.

Vielen Dank für das Interview!

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Oh, there are 2 comments so far

  1. [...] the precious weblog you can read an interview with my professor Boris Müller concerning the course [...]

    pfeifenzeisig » Blog Archive » Die Violine würde heute keine User-Tests bestehen on 18. July 2008
  2. [...] hat mir das Interview mit Prof. Boris Müller von der FH Potsdam zum Thema „Musical Interfaces“ gefallen. Man erhält [...]

    Blog von Jens Franke » Musical Interfaces on 4. August 2008

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